Uwe Neumahr: Das Schloss der Schriftsteller: Nürnberg ‘46 – Treffen am Abgrund

In Stein bei Nürnberg steht das Schloss Faber-Castell. In nur drei Jahren wurde es zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut und bildet mit mehreren Schlossteilen, Villen und Parks ein heute öffentlich zugängliches Anwesen.
 
In der Mitte des 20. Jahrhunderts sah das allerdings anders aus. Das Schloss diente als „Press Camp“ während des Nürnberger Prozesses der Alliierten gegen die obere Riege des Nazi-Regimes und bot als solches den anwesenden Journalist:innen Schlafplätze, Arbeitszimmer und Vergnügungsräume.
 
In seinem Buch „Das Schloss der Schriftsteller: Nürnberg ‘46 – Treffen am Abgrund“ erzählt Uwe Neumahr von dieser bewegten Zeit.
 
Dabei ist das Buch klar in zwei große Teile gegliedert. Es beginnt zunächst mit einer groben Einordnung der Zeit und der Geschehnisse. Wie sah Nürnberg zu der Zeit aus? In was für einem Zustand waren Stadt, Land und Bevölkerung und warum fand der Prozess ausgerechnet in Nürnberg statt? Wie funktionierte die Übertragung des Prozesses, der auf so vielen unterschiedlichen Sprachen geführt wurde und wie konnten die Journalist:innen ihre Artikel einigermaßen zeitnah in ihre Heimatländer übermitteln? Welche Kritikpunkte gibt und gab es am Prozess? Diese und weitere Fragen werden im ersten Teil beantwortet.
 
Der zweite, umfangreichere Teil des Buches ist wiederum in verschiedene Sektionen unterteilt. Hier geht Neumahr auf einige der dort anwesenden Journalist:innen und ihre Arbeit detaillierter ein. Darunter waren schließlich große Namen, die uns auch heute noch als bekannte Literat:innen und Persönlichkeiten im Gedächtnis sind: John Dos Passos, Erich Kästner und Hannah Arendt wären da etwa zu nennen.
 
Neumahr bezieht sich dabei nicht ausschließlich auf Themen, die unmittelbar mit dem Prozess zusammenhängen. Im Kapitel über John Dos Passos etwa skizziert er auch kurz Lebensweg und beruflichen Werdegang und erzählt von der Freundschaft des Autors mit seinem Kollegen Ernest Hemingway. Die Zeit vor dem Prozess, besonders natürlich während des Zweiten Weltkriegs, spielt ebenfalls eine große Rolle. Wie haben die Berichtenden den Krieg verbracht? Ein weiteres Augenmerk liegt auf den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den Journalist:innen.
 
Zugleich taucht man im zweiten Teil tiefer in die Geschicke des Prozesses ein. Die unterschiedlichen Wege der Anwesenden, mit dem Prozess umzugehen, werden genauso deutlich, wie die variierende Gewichtung, die sie dem Prozess verliehen. Aber auch die Geschichte des Schlosses und der Familie Faber-Castell werden beleuchtet und
 
Dabei arbeitet Neumahr durchgehend mit vielen Quellen und Bildern, die das Erzählte in das korrekte geschichtliche Licht rücken und zugleich greifbarer machen. So erschafft er eine Verbindung zwischen dem Prozess, der in seiner Struktur und seinem Zweck sicherlich einzigartig war, und denjenigen, die über eben diesen Prozess in alle Welt berichteten.
 
Nicht nur für Geschichtsinteressierte lohnt sich ein Blick in das Buch. Auch diejenigen, die sich für (jüngere) Literatur- und Journalismusgeschichte erwärmen können, werden bei der Lektüre auf ihre Kosten kommen.
 
 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0