Unsere Sortimentsgestaltung

Sie interessieren sich dafür, wie sich unser Sortiment zusammensetzt und warum wir bestimmte Titel nicht vorrätig haben? Herzlichen Glückwunsch, hier werden Sie (wahrscheinlich) fündig. Machen Sie es sich bequem, wir hoffen Sie haben etwas Zeit mitgebracht!

 

 

 

Unser Sortiment

 

 

 

Wir werden gelegentlich gefragt, warum wir ein spezielles Buch nicht vorrätig haben. Wir können diese Frage zunächst rein quantitativ beantworten: Allein im Jahr 2020 erschienen in Deutschland rund 69.000 Buchtitel1. Bedingt durch die Corona-Pandemie liegt diese Zahl leicht unter den Neuerscheinungen der Vorjahre. Unsere Buchhandlung bietet Regalfläche für etwa 12.000 Titel. Nun ist es nicht sinnvoll, die Regale einer Buchhandlung nur mit Neuerscheinungen zu füllen. Klassiker der Literatur wie Goethe, Schiller, Shakespeare haben ihren festen Platz in den meisten Buchhandlungen. Kernaufgabe von Sortimentsbuchhändler:innen ist, wie der Name schon sagt, die Zusammenstellung des Sortiments vor Ort. Jedes Buch in einem Regal steht dort aus einem bestimmten Grund. Eine Vielzahl der derzeit lieferbaren Titel (rund 2,5 Mio Titel2, einschließlich „normalen“ Büchern, Ebooks, DVDs, Hörbüchern, Kalendern) hat es dagegen nicht in unser Sortiment geschafft. Wenn ein Buch nicht vorrätig ist, hat dies also nichts mit Zensur zu tun, sondern schlicht mit der Auswahl, die Buchhändler:innen tagtäglich für ihr Sortiment treffen müssen, da die Regalfläche begrenzt ist.

 

 

 

Nicht vorrätige Bücher können bestellt werden

 

 

 

Im Verzeichnis lieferbarer Titel (VLB) sind alle in Deutschland verfügbaren Titel gelistet. Unser Webshop ist direkt an das VLB angeschlossen, bildet daher also auch Titel ab, die wir nicht vorrätig haben. Die Verlage melden ihre Titel in diesem Verzeichnis und machen sie so für den Buchhandel sicht- und verfügbar. Wir haben keinen Einfluss auf dieses Verzeichnis. Ein großer Teil dieser Titel, speziell Neuerscheinungen, sind über Großhändler, die sogenannten Barsortimente, bestellbar und meist schon zum nächsten Tag lieferbar. Wir arbeiten derzeit mit drei Barsortimenten zusammen, was die kurzfristige Verfügbarkeit der meisten Titel gewährleistet.

 

 

 

Bücher von Kleinstverlagen und Selfpublishern

 

 

 

Selten kommt es jedoch vor, dass einzelne Titel weder über die Barsortimente zu bekommen sind, noch im VLB gelistet sind. Meist handelt es sich dabei um sogenannte Selfpublisher oder Kleinstverlage, die den Vertrieb ihrer Bücher ausschließlich selbst übernehmen. Titel von Kleinstverlagen können wir dennoch oft für unsere Kund:innen bestellen. Auch diese Verlage sind gesetzlich dazu verpflichtet, Buchhandlungen gewisse Einkaufsrabatte zu gewähren, so dass die Buchhandlungen die Bücher zum durch den Verlag festgelegten Preis verkaufen können.3 Häufig jedoch zehren die Portokosten für die Bestellung einzelner Bücher unsere Einkaufsrabatte annähernd auf, so dass solche Titel für uns wirtschaftlich nicht sinnvoll sind unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Bücher in Deutschland preisgebunden sind. Selfpublisher hingegen übergehen den Buchhandel meist und übernehmen den Vertrieb selbst. Der Einkauf solcher Titel ist meist für die Buchhandlungen unwirtschaftlich im Vergleich zu Büchern, die regulär über Verlagsauslieferungen oder Barsortimente eingekauft werden können. Es ist daher möglich, dass wir in Einzelfällen ein Buch nicht beschaffen können und stattdessen unseren Kund:innen empfehlen, sich beispielsweise direkt an den Verlag, bzw. den oder die Autor:in zu wenden. Der stationäre Buchhandel muss im Regelfall Mieten für die Geschäftsräume, Gehälter seiner Mitarbeiter:innen und die Kosten für die Infrastruktur erwirtschaften, weshalb der überwiegende Teil eines Sortiments nicht aus Selfpublisher-Titeln besteht. Dass wir in unserer Buchhandlung also einen speziellen Titel nicht vorrätig haben ist also keine Zensur, sondern hat in solchen Fällen wirtschaftliche Gründe.

 

 

 

Inhaltliche Gestaltung unseres Sortiments

 

 

 

Natürlich spielen inhaltliche Gründe ebenso eine Rolle wie wirtschaftliche Überlegungen dabei, wie wir unser Sortiment gestalten. Ein Platz in unserem Regal ist eine Entscheidung FÜR ein Buch, im Regelfall nicht GEGEN ein anderes Buch. Büchern, von denen wir überzeugt sind, bieten wir eine Regalfläche, die dann für andere Bücher nicht mehr verfügbar ist – die Regalfläche ist eben begrenzt. Wir gestalten unser Sortiment selbst. Wir haben nicht den Anspruch, mit dem Inhalt unserer Regale den gesamten Buchmarkt abzubilden. Dies kann im übrigen keine Buchhandlung leisten, allein aufgrund der Anzahl der verfügbaren Titel. Dies ist eher die Aufgabe von öffentlichen Bibliotheken, aber auch deren Flächen (und Budgets) sind begrenzt. Es kann also gut sein, dass mache Kund:innen anderer Meinung sind über die Bedeutung einzelner Titel als wir es sind. Das ist ihr gutes Recht. Lesen Sie, was Sie wollen! Wir haben keine Interesse daran, Ihnen vorzuschreiben, was Sie zu lesen haben. Ebenso ist es unser Recht, darüber zu bestimmen, wie sich unser Sortiment zusammensetzt. Nicht vorrätige Bücher können dann meist bestellt werden. Wir schätzen die Meinungsfreiheit als ein hohes Gut. Unser Sortiment ist auch ein Abbild unserer Meinung (diese Bücher sind uns wichtig) und wir erwarten, dass unsere Kund:innen unsere Meinung respektieren, sie müssen sie nicht teilen. Wir freuen uns aber, wenn sie es tun. Wenn wir Bücher auf Kundenwunsch bestellen, spielen Inhalte für uns keine Rolle, solange die Titel nicht indiziert oder strafrechtlich relevant sind, so dass wir uns mit einem Verkauf strafbar machen würden. Kurz gesagt: Unsere Regalfläche ist begrenzt und steht daher nur den Büchern zur Verfügung, denen wir eine Plattform bieten möchten. Autor:innen wie Thilo Sarrazin, Peter Sloterdijk, Uwe Tellkamp, Monika Maron, Akif Pirinçci und Björn Höcke (um nur einige bekanntere Namen zu nennen) werden Sie deshalb nicht in unseren Regalen finden, weil es unzählige Titel gibt, die uns wichtiger sind als die Werke dieser Autor:innen. Wir möchten unsere Fläche Texten zur Verfügung stellen, die aus unserer Sicht für eine solidarische, offene, demokratische und diskriminierungsfreie Gesellschaft eintreten.

Die Menge der Bestselleraufkleber ist allein umwelttechnisch problematisch.
Die Menge der Bestselleraufkleber ist allein umwelttechnisch problematisch.

 

 

Bestsellerlisten

 

 

 

Es gibt viele Leser:innen, die ihr Leseverhalten stark an Bestsellerlisten orientieren. „Spiegel Bestseller“-Aufkleber kann man in praktisch jeder Buchhandlung finden. Dass ein Buch auf einer solchen Liste steht, sagt dabei nichts über dessen Inhalt und Qualität aus. Es besagt nur, dass dieses Buch sich häufig verkauft (dazu später mehr). Als Buchhandlung einen Titel einzukaufen, nur weil er als „Spiegel Bestseller“ gekennzeichnet ist, ist daher wenig sinnvoll. Erinnert sich noch jemand an „50 Shades of Grey“? Dies ist übrigens auch ein Titel, der wochenlang auf den meisten Bestsellerlisten auftauchte und dennoch in unserem Sortiment fehlt. Dieser Titel ist übrigens beispielhaft dafür, welch große Aufmerksamkeit auch durch breit angelegte Werbekampagnen erzeugt werden kann. Gerade bei größeren Buchhandlungen werden nicht selten Werbekostenzuschüsse mit den Verlagen verhandelt, dafür, dass solche auf große Verkaufszahlen ausgelegten Titel vor Ort gut sichtbar präsentiert werden und eben nicht einfach im Regal neben den anderen Büchern stehen. Wie die Bücher präsentiert werden, hängt also auch vom Marketing der Verlage ab. Größere Verlage können hier finanziell ganz anders agieren als kleinere Verlage. Ein Marketinginstrument unter vielen anderen sind die Bestseller-Aufkleber, die ein Buch aus der Masse der anderen Bücher hervorheben sollen. Einige Verlage nutzen dies oft und gerne und lassen sich dies etwas kosten4. Der Aufkleber funktioniert dabei als selbsterfüllende Prophezeiung. Wie kann es sonst sein, dass ein gerade neu erschienenes Buch bereits mit dem Bestseller-Aufkleber ausgeliefert wird? Gerade die Spiegel-Bestseller-Liste ist in vielen Buchhandlungen sehr prominent sichtbar, wodurch die betreffenden Bücher naturgemäß deutlich mehr Aufmerksamkeit erhalten als andere Bücher. Für die Buchhandlungen ist der Verkauf solcher Bücher deutlich einfacher, berufen sie sich doch auf die scheinbar objektive Bewertung durch eine höhere Instanz, die bekannte Bestseller-Liste. Von unserer Buchhandlung werden beispielsweise keine Verkaufszahlen von Büchern an irgendeine Bestseller-Liste gemeldet, so dass unsere Verkaufszahlen nicht in diese Statistik einfließen.

 

 

 

Ein weiterer Titel, der es auch weiterhin nicht in unser Sortiment schaffen wird, ist „Corona Fehlalarm?“ von Sucharit Bhakdi und Karina Reiß. Die Auffassung der Süddeutschen Zeitung5, das Buch vermische „Fakten mit Spekulation und Desinformation“ teilen wir, nachdem wir das Buch in Auszügen gelesen haben. Große Teile der Fachwelt, darunter auch die Universitäten Kiel und Mainz als ehemaligen Arbeitgebern von Sucharit Bhakdi, distanzieren sich von den in diesem Buch getroffenen Aussagen6, was für uns ein deutlicher Hinweis auf die Qualität des Inhaltes ist. Wir haben diesen Titel dennoch vielfach auf Kundenwunsch bestellt - auch ein Abbild der Meinungsfreiheit. Bhakdi ist übrigens inzwischen mit massiv antisemitischen Aussagen aufgefallen7 und wird daher auch mit etwaigen zukünftigen Werken keinen Zugang zu unserer Regalfläche erhalten. Unter selbsternannten Querdenkern gehört die Nähe zu rechtem Gedankengut offenbar zum guten Ton und hat absolut keinen Platz bei uns. Wenn dennoch jemand dieses Buch bei uns bestellen möchte, kann er oder sie das nach wie vor tun, wir zensieren nicht.

Wir haben unsere eigenen Empfehlungsschilder kreiert. Sie fungieren als Hinweis, Lesezeichen und Visitenkarte.
Wir haben unsere eigenen Empfehlungsschilder kreiert. Sie fungieren als Hinweis, Lesezeichen und Visitenkarte.

 

Doch zurück zum Thema der Bestseller-Listen: Wir haben uns in diesem Fall also bewusst dagegen entschieden, einen Titel einzukaufen und bei uns in der Buchhandlung zu präsentieren, nur weil er auf der Bestseller-Liste steht. Natürlich haben wir auch viele der Bestseller-Titel vorrätig, das liegt aber in erster Linie an Inhalt und Qualität der Bücher, die sie bereits beim Einkauf weit vor dem Erscheinungsdatum für uns interessant machen wenn viele dieser Titel noch nicht das Siegel „Bestseller“ tragen. Dass ein solcher Titel dann eventuell auch irgendwann auf einer Bestseller-Liste landet, freut uns für die jeweilige Autorin oder den Autor, da das Buch dann nochmal mehr Aufmerksamkeit erhält. Nicht selten jedoch taucht einer unserer internen Bestseller auf keiner bekannten Liste auf. Das ist für uns kein Problem, da die Platzierung auf einer Bestenliste per se kein Qualitätsmerkmal ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Volker Hunsche (Donnerstag, 05 August 2021 11:56)

    Danke für den Blick hinter die Kulissen. Grade die Ausführungen zu Kleinstverlagen und Selfpublishern fand ich sehr aufschlussreich. Und ganz besonders gut gefällt mir an Ihrem Sortiment, dass ich eben NICHT „Corona Fehlalarm?“ von Sucharit Bhakdi bei Ihnen im Laden finde. Gut, dass Sie dort Stellung beziehen.